Ist das Kunst oder kann das weg?

Ich bin ein ernster, philosophischer Mensch, der versucht, über Oberflächlichkeiten und Allgemeinplätze hinauszugehen, auf originelle und tiefgehende Weise kreativ zu sein. Versucht, wohlgemerkt.

Dominos aufbauen und wieder umzuwerfen wirkt wahrscheinlich nicht gerade wie die ideale Passion für so jemanden, oder wie Bob Speca in seinem Buch übers Dominobauen schreibt (frei übersetzt): "Viele sind ja der Meinung, dass Dominobauen ungefähr auf einer Stufe mit Pfahlsitzen und Goldfische essen einzuordnen ist."
Da ist schon was dran. Es ist sicher kein Zufall, dass auffällig viele Dominobauer auf YouTube erst zwölf, dreizehn Jahre alt sind; und ich staune selbst, wie so viele von ihnen es offenbar spannend finden, Projekte zu bauen, die es genau so schon zigmal gab. 90% der Dominovideos auf YouTube, würde ich sagen, zeigen nicht im Geringsten irgendetwas Neues.

Und selbst wenn sie das tun würden, ist der künstlerische Wert davon, Kettenreaktionen aus solchen Steinen zu bewerkstelligen, begrenzt und im Übrigen auch selten das Ziel. Die allermeisten bauen Domino wirklich rein deshalb, weil sie es unterhaltsam oder spannend finden oder schlicht und einfach hobby- und freundelos sind ;-)

Im Prinzip entspringt das Ganze bei mir auch aus einer ganz ähnlichen Wurzel. Ich habe eine Sozialphobie, und war dementsprechend (wobei Ursache und Wirkung da auch umgekehrt sein könnten) schon immer ein ausgeprägter Stubenhocker und Einzelgänger. Domino war als Kind und auch mit dreizehn, vierzehn Jahren noch wirklich ein Nerdhobby, das meinem Leben irgendwie einen Inhalt gegeben hat.

Aber aus demselben Grund, wegen der Sozialphobie nämlich, muss ich mich auch in irgendeiner Form (künstlerisch) ausdrücken. Denn selbst wenn ich wollte, hätte ich nicht die Möglichkeit, diesen Drang zu unterdrücken, indem ich mich auf dieselbe Weise ablenke wie so viele Jugendliche: Indem ich nämlich meine Freizeit mit Ausgehen, Trinken, Feiern, Beziehungsgeschichten fülle. Das ist mir genauso versperrt, wie es Taubstummen versperrt ist, dem örtlichen Chor beizutreten.

So. Die einen drücken sich aus, indem sie schreiben, die anderen, indem sie Musik machen und so weiter. Beides hätte sich eventuell auch bei mir ergeben können (wobei eine Laufbahn als Musiker ebenfalls wegen der Sozialphobie kaum vorstellbar ist), zum Beispiel, wenn ich schon sehr früh angefangen hätte, zu schreiben. Es hat sich aber nicht ergeben; stattdessen hatte ich also ein Hobby, mit dem ich schon als Kind angefangen hatte und in dem es sehr wenige solche Freaks gab, sodass ich buchstäblich die Aussicht hatte, der Beste in dieser Sparte zu werden, was eine zusätzliche Motivation war. Außerdem wollte ich ein so "alteingessenes" Hobby in meinem Leben nicht zugunsten einer anderen Leidenschaft aufgeben. Deshalb bin ich bei Domino geblieben.

 

Wenn man das alles weiß, ist es vielleicht nachvollziehbar, wie es zu diesem Weg gekommen ist, dass ich heute diesen ganz merkwürdigen Spagat versuche: Mich mit diesem Kinder(garten)hobby künstlerisch auszudrücken.

Zu einem gewissen Teil ist das Ganze natürlich auch Videokunst - allerdings habe ich mich nie eingehend damit beschäftigt, nie eingehend versucht, ein wirklicher Profi in Videobearbeitung zu werden. Wenn ich sehe, was manche moderne Künstler da können, reißt es mir den Kinnladen runter. Ich bin zum Beispiel ein absoluter Laie beim Thema Animation. Die Videoform ist für mich eher das Mittel zum Zweck, meinen Dominoprojekten in der Nachbearbeitung dann den richtigen Anstrich zu verleihen.

 

Dass das Hobby so selten ist und die wenigen, die es betreiben, zum allergrößten Teil (noch) nicht diesen künstlerischen Ehrgeiz (oder das entsprechende Talent) haben, hat für mich den Vorteil, dass ich mit meinen Videos quasi automatisch einen weltweit buchstäblich einzigartigen Stil habe. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich halte mich nicht für einen großen Künstler. Bei weitem nicht. Natürlich würde ich gerne große Kunst erschaffen - aber ich bin nicht unzufrieden damit, dass ich davon ein gutes Stück entfernt bin. Ich habe auch nicht den Ehrgeiz, alles darauf auszurichten. Ich möchte einfach nur überhaupt Kunst "machen", mit der ich etwas anfangen kann und die mir durchs Leben hilft.

 

Im Übrigen bin ich damit immer noch sehr am Anfang. Ich habe zwar schon viele Versuche unternommen, aber nur mit einem Video bin ich auch jetzt noch wirklich zufrieden - dieses kurze hier.

 

Das alles wollte ich nur mal klargestellt haben :D