Über einen anderen Teil von mir möchte ich hier auch informieren - die sogenannte Hochsensibilität / Hochsensitivität (der erste Begriff ist der häufigere, der zweite wird von einigen als treffender angesehen).

Hochsensibilität ist ein Phänomen, das erst seit ca. 15 Jahren erforscht wird. Es ist in der Psychologie noch nicht breit anerkannt, was aber nicht daran liegt, dass es wissenschaftlich nicht haltbar wäre, sondern dass nun mal einige Zeit nötig ist, um ein solches Phänomen nachhaltig fundiert zu erforschen und damit auf eine solide empirische Grundlage zu stellen. Es gibt Bereiche der Pseudowissenschaft, die sich gerne als Psychologie verkaufen, und es gilt neuen, postulierten "Persönlichkeitstypen" oder "Selbstdiagnosen" gegenüber vorsichtig zu sein (berüchtigterweise stieg die Diagnose einer "multiplen Persönlichkeitsstörung" um das Zehntausendfache (!) an, nachdem ein noch dazu erfundener Fall als Bestseller veröffentlich worden war), und so ein Begriff wie "Hochsensibilität" klingt stark nach solchen halbgaren Konzepten. Für mich ist es aber schlüssig und beschreibt ein Anderssein, das ich als sehr konkret und real wahrnehme.


Wie auch im Fall der Sozialangst - und wie im Fall so gut wie jeder psychischen Ausprägung - ist Hochsensibilität einfach nur der Extremfall auf einem Kontinuum, auf das jeder Mensch irgendwo fällt. Die einen sind extrem introvertiert, andere extrem extrovertiert, die meisten liegen irgendwo dazwischen - aber niemand liegt gar nicht auf dem Spektrum. Genau so handelt es sich auch bei Hochsensibilität letztendlich um die Extremform einer Eigenschaft, auf der sich auch jeder einordnen kann: Empfindsamkeit. Hochsensibel zu sein, bedeutet also im Grunde genau das, was das Wort besagt: Alles intensiver, heftiger und auch genauer wahrzunehmen - ob man will oder nicht.

Das hat zuallererst zur Folge, dass hochsensible Menschen sehr schnell "reizüberflutet" sind. Ich bin nicht oft auf Feiern oder anderen lauten, lebhaften Veranstaltungen; aber wenn, bin ich immer einer der Ersten, der geht, auch wenn es mir großartig gefällt. Es kommt dann einfach sehr bald der Punkt, wo ich einfach nur noch Ruhe brauche und alleine sein will, wie gesagt auch wenn ich eigentlich wirklich gerne bei den Leuten war. Es ist einfach nur eine sensorische Überreizung. Ich wundere mich dann umgekehrt eher, dass die anderen noch lange nicht so erschlagen sind.

Bei Cannabissüchtigen oder anderen Lebensgeschichten kann es vorkommen, dass jemand so weit abstumpft, dass ihn nichts mehr reizt und man immer heftigere Abenteuer suchen muss, um noch von irgendwas einen "Kick" zu bekommen; HSP ist quasi das Gegenteil davon: Dinge, die andere vielleicht sogar nur langweilen würden, nehmen uns schon heftig mit.

Die Empfindungen sind außerdem nicht nur einfach intensiver, sondern auch komplizierter oder vielschichtiger. Eine HSP ist eine Person, die über ein nebensächliches Erlebnis einen seitenlangen Brief schreiben kann.

 

Ein paar Implikationen heftigerer und detaillierter Empfindungen sind:

- Ganz allgemein bedeutet es natürlich ein soziales Handicap. Jeder Mensch kennt Reizüberflutung und das Gegenteil, Unterforderung; bei HSP liegt das ideale Maß unterdurchschnittlich niedrig. Sprich, was für uns ein "angenehm heftiger" Zustand ist, würde für die meisten Menschen Langeweile bedeuten. Die umgekehrte Folge ist die schlimmere: Die Anforderungen und das Maß an Intensität und Nervenkitzel, das die meisten als optimal empfinden, ist für uns eine enorme Anstrengung. Wir sind weniger belastbar, sehr schnell gestresst und brauchen häufig die Möglichkeit, uns zurückzuziehen und zu erholen. Ein "voller" Tag ohne längere Zeit für mich selbst ist für mich ein Extremzustand. Das bringt natürlich Schwierigkeiten im Beruf und Sozialleben mit sich. Unter ruhigen Arbeitsbedingungen sind wir im Übrigen nicht weniger leistungsfähig, um das noch klarzustellen - im Gegenteil soll HS sogar überdurchschnittlich oft mit Hochbegabung zusammenhängen - die auch bei mir diagnostiziert wurde - und es gibt sogar die Theorie, dass Hochbegabung zwingend HS impliziere.

- Wir haben, wie schon erwähnt, große Schwierigkeiten, mit Kritik umzugehen und sind ausgesprochen verletzlich.

- Dementsprechend finden wir Streit unerträglich, auch in unserem Umfeld. Hochsensible sind oft "harmoniesüchtig" und leiden noch stärker als "normale" Menschen unter Streit in der Familie oder ähnlichem.

- Wir sind häufig perfektionistisch veranlagt, was natürlich auch vorteilhaft sein kann, aber eben auch eine penible und übersorgfältige Seite beinhaltet.

- Wie schon erwähnt, hängen uns Dinge oft noch länger nach, als es uns lieb ist.

- Wir neigen zu Weltschmerz.

- Manche HSP haben Berührungsängste.

- Wir lassen uns häufig stark von der Stimmung in unserer Umwelt beeinflussen - Verstimmungen in einer Gruppe schlagen uns auch aufs Gemüt, umgekehrt kann uns ein Gefühl z. B. von Teamgeist umso stärker beflügeln. Wir bemerken fast immer sehr früh, wenn etwas mit jemandem nicht in Ordnung ist, wenn er sich anders verhält als sonst und so weiter. Auch das kann natürlich sowohl ein Nachteil als auch ein Vorteil sein.

- Ein eigenartiges Kennzeichen von HSP ist, dass wir zwar, wie gesagt, die Stimmung anderer Menschen sehr genau wahrnehmen und generell unsere Umwelt in sehr hoher Intensität und Detailtiefe wahrnehmen - diese Informationen aber tendenziell zu oft für bare Münze nehmen. Man kann uns relativ leicht einen Bären aufbinden, mit Ironie haben wir teilweise auch so unsere Probleme. Ich bin das ultimative Aprilscherzopfer... (Mein Vater zu mir: "Hast du denn auch den Armeehubschrauber gehört, der um Mitternacht vor unserem Haus gelandet ist?" - ich: "Was, wie? Ich hab nichts gehört, wie hab ich das denn - Armeehubschrauber?! Was ist los...?" :D)

- Ein sehr genaues Gespür haben wir auch dafür, wie sich jemand gegenüber uns verhält. Wobei dieses Gespür nicht unbedingt richtig liegen muss - wir interpretieren auch Verhaltensnuancen, die gar nicht so gewollt waren. Jede kleinste Schwankung im Verhältnis von jemandem zu uns bekommen wir mit, insbesondere natürlich, wenn derjenige uns wichtig ist. Das macht eine feste Beziehung in vielen Fällen schwierig.


Die Fähigkeit (und der kaum abstellbare Automatismus), sich in andere hineinzuversetzen, ist ein zentrales Merkmal der Hochsensibilität. Ich merke immer wieder, wie ich, wenn ich zum Beispiel im Bus sitze, quasi von selbst angefangen habe, die Menschen, die da um mich herum sitzen und stehen, zu "ergründen" - ihre Stimmung und was sie generell wohl für Typen sind. Natürlich gehen mir fast immer auch, und in erster Linie, andere Dinge durch den Kopf, aber selbst wenn ich jede Menge andere Sorgen habe, kann ich es gar nicht abschalten, nicht nur - wie das wohl jeder Mensch tut - zu registrieren, wer sich da alles befindet, sondern auch mehr oder weniger bewusst über sie nachzudenken.

Es ist schwierig, das als Betroffener zu bemerken, weil es schwierig zu vergleichen ist - ich war mir, bis ich mich über Hochsensibilität informiert habe und darin bestätigt wurde, nicht sicher, ob die Art, wie ich andere Menschen wahrnehme, normal ist oder nicht. Nun, sie ist es nicht. Das heißt, auch hier ist es wieder allein die Heftigkeit, die HSP von "Normalen" unterscheidet: So gut wie jeder kann sich in Leute hineinversetzen, bekommt ungefähr mit, in welcher Laune jemand ist und wie sich bestimmte Leute miteinander vertragen, ohne dass man das laut sagen muss. Diese Fähigkeiten müssen wir Menschen natürlich auch haben, damit ein halbwegs gesundes Zusammenleben möglich ist.

Bei HSP ist dieses Gespür wiederum ungewöhnlich stark ausgeprägt, oder anders gesagt liegt ein starker Fokus darauf. Jeder kann ungefähr beschreiben, wie das soziale Gefüge zum Beispiel in einer Schulklasse ist, welche Gruppen es da gibt, wer sich mit wem gut und weniger gut verträgt, was da für Bindungen und Brüche ablaufen. HSP können aber erstens gar nicht anders, als darauf zu achten, und sehen diese Dinge zweitens in viel höherem Detailgrad, bekommen also viel subtilere und allgemeinere Entwicklungen mit. Dazu kommt, dass man so etwas häufig lange speichert.

 

Dann hat die Hochsensibilität aber auch einige Folgen, für die man als Betroffener nur dankbar sein kann:

- Dass wir Dinge intensiver wahrnehmen, bezieht sich schließlich auch genauso auf positive Dinge: sich freuen, zufrieden sein, verliebt sein... Die umgekehrte Version ist nämlich sicher auch kein Zuckerschlecken: Wer immer stärkere und immer mehr Reize braucht, um "gesättigt" zu sein, lebt gefährlich und kann sich oft über alltägliche Gründe zur Freude kaum noch freuen. Hochsensiblen kann ein kleiner Anlass wie ein Kompliment von jemandem oder das schöne Wetter den ganzen Tag versüßen. Gute Musik, ein guter Film, die Schönheit einer Landschaft oder auch eine bewegende Rede berühren uns sehr stark. Außerdem kann uns der ganz normale Zustand, zufrieden zu sein, euphorisch stimmen. Wir brauchen eben nicht ständig neue Reize und Grenzerfahrungen, sondern können häufig "einfach so" glücklich sein.

- Wir haben eine ausgeprägte Fantasie und häufig künstlerisches Talent.

- Wir sind sehr musikalisch.

- Wir haben einen starken Sinn für Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe. Das kann allerdings auch bedeuten, dass wir fast aufopferungsvoll großzügig sind. Außerdem sind wir sehr loyal. Sprich, HSP sind für ihre Mitmenschen in der Regel höchst angenehm und verträglich.

- Wir sind sprachlich begabt und können sehr genau formulieren.

- Wir sind häufig stark intellektuell veranlagt, können sehr differenziert denken und komplexe philosophische Gedankengänge nachvollziehen. Denker und Intellektuelle sind selten abgestumpfte, grobe Typen. ;-)

- Dementsprechend sind wir im Inneren (nach außen natürlich oft weniger) meistens eine höchst vielschichtige Persönlichkeit. Viele HSP leben quasi in ihrer eigenen Welt.

- Das einzige Merkmal, das auf mich überhaupt nicht zutrifft: HSP haben in der Regel eine außergewöhnlich gute räumliche und zeitliche Orientierung. Zumindest die räumliche ist bei mir katastrophal, ich verlaufe mich selbst mit Stadtplan ;-)