Wie es einfach nicht aufhörte...
2005 war eine Art Einschnitt, da wir, also meine Familie, uns erstmals eine Digitalkamera kauften. Und die konnte auch filmen, mehr schlecht als recht zwar, aber immerhin - ich konnte zum ersten Mal Dominotests und -projekte aufnehmen. Mittlerweile hatte ich mein eigenes Zimmer, ich teilte es nicht mehr mit meiner Schwester, weil wir aus unserem "Spielzimmer" mittlerweile rausgewachsen waren und der Raum jetzt meinen Eltern zur Verfügung stand, sodass wiederum ein anderes Zimmer frei wurde. Das hatte den Vorteil, dass ich nach Lust und Laune den Boden mit Dominos pflastern konnte - auch wenn ich mein Bett direkt daneben stehen hatte und einmal tatsächlich im Schlaf mitten in ein Projekt plumpste.
Ich war in dieser Zeit schwer in Experimentierlaune. Alle paar Wochen war eine neue Bahn fertig, die aus einer Aneinanderreihung der fünf bis zehn neuesten Tricks bestand. Die waren zu, sagen wir, drei Vierteln ziemlich merkwürdig und eher überflüssige Spielereien. Aber so langsam lernte ich auch immer mehr wichtige Techniken dazu - Mauern, Spiralen mit zwei Armen und so weiter. Das meiste brachte ich mir immer noch selbst bei, learning by doing, aber manches schaute ich natürlich auch beim Domino Day ab, der ja meine einzige Quelle war: Einmal habe ich mehrere Wochen mit unzähligen Versuchen verbracht, eine besonders knifflige Technik nachzustellen - daran bastelte am Ende sogar der Rest der Familie mit, die damals auch hin und wieder sporadisch das Dominofieber packte. Dreimal fanden auch größere Projekte im Wohnzimmer statt, dass ich normalerweise nicht für Domino nutzen konnte. Dazu kamen dann ein paar Freunde vorbei und es fand sozusagen ein privater Domino Day statt. Am meisten Steine bauten wir beim dritten Mal auf, 6570 Steine nämlich. Wenn man alle meine Soloaufbauten, diese Wohnzimmerveranstaltungen und die "Domino Days" in der alten Kirche zusammennimmt, kommt man allein für die Jahre 2005 und 2006 auf 24 Projekte mit insgesamt ziemlich genau 100 000 Steinen.
2008 gingen versehentlich große Teile unserer Daten auf dem Computer verloren, auf dem ich meine Dominofotos und -videos gespeichert hatte. Aber zum Glück gab es von vielen noch woanders Kopien, und von manchen, von denen das Original verloren ging, habe ich immerhin noch Ausschnitte ohne Ton (weil ich sie damals zu einem langen Video mit Hintergrundmusik zusammengeschnitten hatte). Die ganz alten von 2005, diese allerersten Tests und die dazugehörigen Bahnen, habe ich aber immer noch im Original. Die sind heute ziemlich komisch anzusehen - wie ich in Sportreporter-Manier kommentiere und meine Familie das Ganze mit "oh!" und "ah!" quittiert.
Als ich mich 2000 oder 2001 gefragt hatte, wie große meine Dominosammlung wohl noch werden würde, war ich, genau wie meine Eltern, irgendwie auf die Marke 3000 eingeschossen (wahrscheinlich eher wegen meiner Eltern, weil meine Mutter mir irgendwann mal angedeutet hatte, 3000 Steine seien ein vernünftiges Maß). Das wäre das Maximum. Ja, ich war mir sicher, dass ich nie mehr als 3000 Steine besitzen würde - das wäre genug. Man soll es ja nicht übertreiben. Als ich dann 3000 hatte, war ich selbst irritiert, als wir die nächsten Steine kauften und meine Eltern darin kein Problem zu sehen schienen. Wie? Geht es jetzt doch weiter?, dachte ich.
Daran erinnerte ich mich, als ich im Sommer 2006 auf einmal 3000 Steine aufbaute. Das fühlte sich dann erneut so an, als hätte ich eine magische Zahl erreicht, ein Limit. Okay, dachte ich, jetzt habe ich nach sieben Jahren geschafft, was es zu schaffen gab. Nicht, dass ich mit Domino aufhören wollte, aber ich war sicher, dass ich nun auf dieser Größenordnung bleiben würde - ich hatte ja gar nicht mehr Platz.
Natürlich irrte ich mich wieder: Heute besitze ich 30 000 Steine - das Zehnfache dieser angeblichen Grenze - und meine größten Projekte haben auch schon deutlich die 10 000 geknackt.
Das verdanke ich (abgesehen von dem Ehrgeiz, den es dazu braucht) einzig und allein meiner Familie. Sie hat es ermöglicht, indem sie unseren Dachboden renovieren ließ - eigentlich, um das darunter gelegene Zimmer zu isolieren, aber das brachte die Idee mit sich, ihn mir als Dominoraum zur Verfügung zu stellen.
Das kam für mich völlig überraschend, ich habe aus heiterem Himmel von diesem Plan erfahren. Bis dahin war der Dachboden nichts als ein dunkler, dreckiger, vollgepackter Raum mit unebenem Steinboden gewesen, und ich hatte ihn vielleicht vier- oder fünfmal überhaupt betreten. Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass er für Domino genutzt werden könnte.
Auf einmal ging alles schneller, als ich gucken konnte; nach etwa einer Woche (wenn ich mich richtig erinnere) war aus dem überdimensionierten Mauseloch plötzlich ein funkelnagelneuer Dominoraum geworden - ich hatte nicht mal viel mithelfen müssen und können. Hier hatte ich jetzt zwei- bis dreimal so viel Platz wie bisher, außerdem zwei Lampen, zwei kleine Fenster, eine Einstiegsluke, die ich sogar abschließen könnte, indem ich Kisten draufstelle, wozu ich aber noch nie das Bedürfnis verspürt habe - und seit einer Weile sogar einen Heizkörper: Der einzige Nachteil an dem Raum ist nämlich, dass er nicht isoliert ist, sodass es im Winter eisig kalt und im Sommer drückend heiß (und vor allem schwül) ist. Aber ich fühle mich so oder so wohl, und ohne den Platz, den ich dort habe, wären mir viele Projekte nicht möglich gewesen, die ich seitdem gebaut habe.
Das Foto zeigt übrigens das Erste, was ich auf dem gerade "eröffneten" Dachboden gebaut habe. Seit dem 8. August 2006 baue ich hier.
Eine Weile nach der Einrichtung des Dachbodens kam es zu einer Neuauflage unserer privaten "Domino Days", siehe den ersten Teil dieses Textes. Der fand jetzt in der Turnhalle der Schule statt, die damals meine Schwestern und ich noch alle drei besuchten. Insgesamt trafen wir uns hier noch dreimal, das letzte Projekt war unser größtes überhaupt - 19 094 aufgebaute Steine am 9. Oktober 2007. Die "Saarbrücker Zeitung" berichtete damals über uns. Aber nach der elften Ausgabe war dann endgültig Schluss.
Mittlerweile gibt es CDT, deshalb trauere ich diesen Domino Days nun wirklich nicht hinterher, auch wenn sie toll waren. Und damals, 2006, war ich gerade aus der Kindheit raus- und in die Jugend hineingerutscht, und das bringt bekanntlich so seine Tücken mit sich. Domino war mir damals oft nicht übermäßig wichtig. Aufgehört habe ich aber nie, und 2007 wurde es dann auch wieder wichtiger.
Allein schon, weil mir so ein festes Hobby Orientierung gab, denn ich war schließlich in das Alter gekommen, in dem man (hoffentlich jedenfalls) über sein Leben nachzudenken beginnt, sich fragt, was wohl aus einem wird und sich den Kopf zerbricht, ob man auf dem richtigen Weg ist und so weiter. Obwohl Dominobauen mit solchen Fragen eigentlich nicht gerade direkt etwas zu tun hat, war es wirklich eine gute Sache, so eine nerdige Beschäftigung zu haben, in die ich mich "zurückziehen" konnte, denn das war oft genug nötig. Dementsprechend hatte ich auch weiter Ehrgeiz in dem Hobby, denn die Tatsache, dass ich schon als kleines Kind mit etwas so Ungewöhnlichem begonnen hatte, hatte zur Folge, dass ich nun, mit 14 oder 15, schon so was Ähnliches wie ein Experte war. Diese Chance wollte ich nicht in den Wind schießen, auch wenn das naturgemäß wenige Leute ähnlich ernst nehmen konnten wie ich ;-)
Ich denke gerne an diese Zeit zurück.