Wie es wuchs...
Irgendwann im Sommer 2007 stolperte ich über YouTube. Ganz dunkel erinnerte ich mich an die Meldung aus der Tagesschau, dass Google eine Seite dieses Namens übernommen habe, ansonsten hatte ich noch nie davon gehört. Natürlich war das Erste, wonach ich suchte, Dominovideos. Ich war überrascht (und begeistert), als ich merkte, dass sich auf der Seite bereits eine Art Dominogemeinde gebildet hatte, mit FlippyCat als "Führungsfigur". Natürlich haben mich dessen Videos auch am meisten beeindruckt.
Irgendwann begann ich mir dann zu denken: Wie wär's, wenn ich da mitmache? Das blieb aber erst mal als ferne Idee im Hinterkopf verstaut, denn ich ging davon aus, dass meine Eltern das nicht gerne sehen würde oder gar nicht einverstanden wären, weil sie - zu Recht - viel Wert auf Privatheit legen und sicher nicht wollen würden, dass ihr grade 15-jähriger Sohn Videos von seinem Hobby ins Netz stellt, noch dazu auf eine Seite, die dem Datenkraken Google gehört. Diese Bedenken hatte ich aber zu dramatisch eingeschätzt, und als ich sie dann am 2. November doch fragte, waren sie schnell einverstanden.
Zehn Minuten später hatte ich einen YouTube-Kanal. Der Name Annodomino war schnell gefunden. Diese Wendung "anno domini" hatte mich natürlich immer an "Domino" erinnert (immerhin steht auch dieselbe sprachliche Wurzel dahinter), und irgendwann war mir einmal aufgefallen, dass sie auch noch für meine Initialen steht. Weil "Annodomino" schon vergeben war, habe ich noch 2007 drangehängt.
Also hatte ich jetzt meinen Kanal und freute mich darauf, YouTube zu durchforsten. An jenem Abend kümmerte ich mich nur noch um das Layot des Kanals; am nächsten Tag dann lud ich mein erstes Video hoch. Ein paar Stunden später folgte das zweite: Ein Zusammenschnitt von so gut wie allen Dominovideos, die ich bisher überhaupt aufgenommen hatte.
Diesen Zusammenschnitt hatte ich schon im Sommer erstellt - eigentlich nur zum Spaß an der Freude, um mal zu sehen, wie das aussehen würde und um den Windows Movie Maker auszuprobieren, den ich vorher noch nie benutzt hatte. Das Ergebnis zeigte ich einem Freund, der etwas sagte wie "Das kannst du echt für Bewerbungen benutzen, sieht beeindruckend aus".
Die Hintergrundmusik in dem Video war Eminems "Lose yourself", bis heute einer meiner Lieblingssongs. Da er ganz offensichtlich urheberrechtlich geschützt ist, ist das Video leider längst nicht mehr auf YouTube (damals war mir das Urheberrecht kaum bekannt, geschweige denn wichtig). Aber es war mein allererster Kontakt zur weltweiten Dominobauerszene, worauf ich natürlich äußerst gespannt war, wenn man bedenkt, dass ich davor acht Jahre lang buchstäblich alleine mit dem Hobby gewesen war und mir öfter mal gewünscht hatte, irgendwie wie mit den anderen Dominoverrückten Kontakt haben zu können, die es auf der Welt ja sicherlich geben würde.
Die allererste Reaktion, die ich von diesen anderen Dominoverrückten bekam, haute mich gleich mal um: FlippyCat meldete sich sofort! "That was a great video. :) I don't usually see many clips anymore that I want to stop and replay to see how it was setup. Nice." (Ja, ich habe mich ernsthaft durch meinen Posteingang mit aktuell 1402 Nachrichten durchgeklickt, um diese wiederzufinden.)
Als ich auf Flippys Kanal ging, sah ich dann auch noch mein Video vorne drauf. Das heißt, jeder, der den Kanal aufrief, bekam erst mal mein Video vor die Nase gesetzt - und das waren nicht wenige.
Normalerweise ist auf YouTube aller Anfang schwer. Man könnte genial sein - die Leute müssen einen eben erst mal entdecken, die ersten Aufrufe und Abonnenten lassen am längsten auf sich warten. Bei mir war das nicht so, denn dank FlippyCats Unterstützung kamen die netten Kommentare und ersten Abonnenten so schnell, dass ich nicht wusste, wie mir geschah. Am Morgen des 4. November hatte ich dreißig Abonnenten.
Lange Rede, kurzer Sinn: Seitdem lade ich also praktisch alles, was ich baue, auf YouTube hoch und tausche mich dort mit anderen Bauern aus aller Herren Ländern aus.
Und seit ich meine Videos veröffentliche, ist das sorgfältige Filmen und Schneiden ein Teil meiner Dominoprojekte geworden. Es gehört für mich mittlerweile untrennbar zusammen, und ich kann mir kaum noch vorstellen, dass mein "Dominoleben" vor 2007 daraus bestand, ein paar schöne Tricks und Effekte hintereinandergereiht aufzubauen, meine Familie zu rufen und das Ganze umzuwerfen.

Es ist wirklich eine großartige Sache, durch YouTube seine Fähigkeiten (oder sein Unvermögen) buchstäblich jedem präsentieren zu können. Das hat bei mir zu einigen Kontakten und Aktionen geführt, die natürlich nicht möglich gewesen wären, wenn weiterhin nur meine Familie und Freunde von meinem Hobby gewusst hätten.
Die erste gewichtige Konsequenz folgte schon 2008: Anfang des Jahres bekam ich eine Nachricht von IIIIIDominoIIIII, ob ich nicht bei einem Großprojekt mit 30 000 Steinen in ihrer Turnhalle mitmachen wollte. IIIIIDominoIIIII waren sechs Jungs (von denen heute noch fünf dabei sind), die sich wenige Tage nach mir auf YouTube registriert hatten und ebenfalls schnell Aufsehen erregt hatten. Sie waren damals gerade mal zwölf bis vierzehn Jährchen alt, hatten aber schon große Ambitionen - nämlich ganz generell die, für ein großes Projekt, dass sie, wie gesagt, in ihrer Schulturnhalle veranstalten wollten, sich die besten deutschen Dominobauer einzuladen, die damals auf YouTube aktiv waren. Die konnte man an zwei Händen abzählen, und für mich war es ein Glücksgriff, zu diesen ersten Dominobauern zu zählen, denn dadurch kann ich mich jetzt Mitglied der ersten Stunde eines der weltweit größten Dominoteams nennen.
Im Mai 2008 fand also mit IIIIIDominoIIIII, shikamarusnooker, dominofan, Snomoska und mir das erste Cologne Domino Toppling (CDT) statt, wo aus den 30 000 Steinen schließlich noch 70 000 wurden. Das war für uns alle und (fast) auch für die ganze Domino-"Community" etwas völlig Neuartiges und wir waren alle ordentlich aufgeregt. (Simon hat mir Jahre später erzählt, dass er und die anderen ähnlich nervös gewesen wären wie ich - und ich war furchtbar nervös - weil sie meinten: "Woah, wir treffen Annodomino von YouTube!" :D) Aus heutiger Sicht war das Ganze jedenfalls - insbesondere für mich - ein sensationeller Glücksfall, einfach die richtigen Leute, die sich zur richtigen Zeit treffen. Mehr dazu hier in meiner Rubrik über CDT.
CDT ist das Tollste, das mir in meinem Domino-Dasein passiert ist, aber mit der Zeit kamen noch einige andere Sachen zustande, die ich auch nicht schlecht fand:
- Im Oktober 2009 bin ich beim YouTube-Wettbewerb "Mach dein X" zur Bundestagswahl mit meinem Dominovideo zu dem Thema auf dem 2. Platz gelandet, für mich selbst überraschend. So hat mir mein "Kleinkinder-Hobby", wie es ja gerne gesehen wird, einen Laptop (der wegen, äh, suboptimaler Behandlung ein für Laptops unterdurchschnittliches Alter von nur zweieinhalb Jahren erreichte) und eine Reise in den Bundestag eingebracht ;-) Mehr dazu in der Rubrik "Themenprojekte".
- Beim Domino Day im selben Jahr kam ein Trick zum Einsatz, den ich erfunden hatte - die Pirouette, die beim Afrika-Projekt einen Regentanz darstellen sollte. Einige Wochen vor dem Domino Day wurde ich von Mark Prinsen angeschrieben, einem Mitarbeiter von Weijers Domino Productions. Natürlich wusste keiner von den Millionen Domino-Day-Zuschauern, dass sie den Trick von mir übernommen hatten, deshalb versteht vielleicht nicht jeder, dass ich mich darüber riesig gefreut habe. Aber von WDP "kopiert" zu werden, war für mich einfach die ultimative Bestätigung, dass ich es zumindest halbwegs draufhaben muss als Dominobauer ;-) Zumal mir Herr Prinsen auch versicherte, bei WDP kenne man meine Arbeit und halte mich für einen "true domino artist".
- Die nächste schöne Überraschung verdanke ich dagegen nicht meiner YouTube-Präsenz, sondern einfach nur dem Zufall. Die Produktionsfirma all.in brauchte für ein ARD-Fernsehspiel eine Dominoszene und hatte dafür Ralf Laue angeschrieben, der eigentlich nicht Domino als Hobby hat, aber zu dieser Zeit gerade versucht hatte (mit Erfolg), einen Weltrekord für die meisten in einer Minute aufgebauten Steine aufzustellen. Der hatte kein Interesse und leitete das Ganze an mich weiter - weil ich mich zuvor per E-Mail mit ihm über seinen Weltrekordversuch ausgetauscht hatte und ich somit wahrscheinlich der einzige Dominobauer war, an den er das Ganze hätte weiterleiten können. Zwei Wochen später war ich in München und hatte die Gelegenheit, an einem Filmset hinter die Kulissen zu schauen, und das sogar beim Dreh einer Szene. Das war der Hammer! Die Szenen im letztendlichen Film gefielen mir auch gut.
Im Nachhinein habe ich von TimDomino erfahren, dass neben Ralf Laue auch er von der Produktionsfirma kontaktiert worden war, anscheinend dann aber doch ich vorgezogen wurde, obwohl Tim deutlich näher bei München wohnt. Das ist also ein bisschen blöd gelaufen.
- Aktuell habe ich wieder ein solches "offizielles" Projekt am Laufen, zu dem ich aber noch nicht mehr sagen möchte, bis es fertig ist.
Vieles von diesen Überlegungen ist mir wieder durch den Kopf gegangen, als im Mai 2011 das Bemerkenswerteste über die Bühne ging, was mir an Vorfällen wie denen, die ich weiter oben aufgezählt habe, bisher passiert ist: Auf einmal ging nämlich ein (damals schon drei Monate altes) Video von mir viral.
Ich hatte, nach mehreren vergeblichen Versuchen von millionendollarboy und einem spektakulär gescheiterten von dcomimo, versucht, die weltgrößte Dominopyramide zu bauen.
Und das ist zwar sicher ein bemerkenswertes Video, aber nur dafür bekannt zu sein, schmeckt mir etwas seltsam.
Viral ging das Ganze witzigerweise deshalb, weil es schiefging. Ich hatte die Pyramide natürlich fertigstellen wollen und es sah richtig gut aus - 96% waren bereits geschafft, die Dominocommunity wusste Bescheid und wartete auf das Video. Dann, bei 13 043 von 13 482 Steinen, krachte das Ding von selbst ein.
Durch ein unfassbares Glück im Unglück beschloss der Stein, der in der Spitze der Pyramide umkippte und sie einriss, genau dann, umzufallen, als ich gerade die Webcam eingeschaltet hatte, weil ich weiterbauen wollte. Dadurch wurde der Unfall für die Nachwelt festgehalten - und wurde, wie gesagt, drei Monate nach Veröffentlichung aus dem Nichts zu einem Internet-Gassenhauer.
Ich hatte das nicht im Geringsten geahnt, denn ironischerweise hatte ich eher gedacht: Wenn ich das schaffe mit der Pyramide, wird das Video ja wohl der Renner. Dass es für alle Nicht-Dominobauer auf diese Weise, mit dem dramatischen Ende, um einiges interessanter wurde, war mir nicht klar und ich war deshalb auch erst mal ziemlich von den Socken, als mich ein Dominokollege darauf hinwies, dass mein Pyramidenvideo in den letzten Tagen von 15 000 auf 70 000 Aufrufe hochgeschnellt war - ich hatte das gar nicht gemerkt. In den nächsten Wochen raste das Video wie von selbst immer weiter "nach oben", bis es am 1. Juli die Marke von einer Million Aufrufe passierte. Mittlerweile steht es bei 1,5 Millionen. Dazu kommen noch 600 000 Aufrufe bei failblog.org und break.com, wo nicht das ursprüngliche Video eingebettet wurde, sondern der Clip neu hochgeladen wurde, sodass die Klicks nicht bei meinem Original gezählt wurden.
In der Zwischenzeit war das Video im japanischen Fernsehsender NHK ausgestrahlt worden, die Onlineausgabe der Daily Mail hatte mit einem gut recherchierten Artikel über mich berichtet, ebenso eine lokale Ausgabe von Fox News, die belgische Onlinezeitung deredactie, collegehumor.com und unzählige Blogs und kleinere Onlinezeitungen und -radios.
Außerdem war es im japanischen Fernsehen und auch bei kabel1 und RTL zu sehen. (Letzterer Sender schaffte es, in dem vielleicht 30-sekündigen Einspieler eine ganze Reihe von falschen Informationen unterzubringen - unter anderem war ich plötzlich Holländer :D)
Letzendlich in Gang gesetzt worden war dieser "Triumphzug" des Videos von Yahoo! Japan, wo man das Video auf der Startseite präsentiert hatte, was für etwa 150 000 Aufrufe sorgte.
Das alles war zwar eine tolle Sache für mich und ich freue mich über jeden der 1500000 Aufrufe. Ich konnte aber auch die Kommentare verstehen, die aus dem Video schlossen, dass ich ein ziemlich erbärmliches Seelchen sein musste. Das heißt, ich stimmte natürlich absolut nicht zu, aber es zeigte mir erneut, dass nicht allein Videos wie dieses das sein sollten, was ich als mein Lebenswerk vorzuweisen hätte. Da könnte man sich zurecht fragen, ob das denn wirklich das Beste ist, was ich zu dieser Welt beitragen kann.
Das ist es eindeutig nicht, und deshalb geht es mir mit diesem Pyramidenvideo ähnlich wie Bobby McFerrin, den es Zeit seines Lebens wurmte, für das banale Don't Worry, Be Happy am bekanntesten zu sein, obwohl er ansonsten weitaus anspruchsvollere Musik machte.